Experiment 3088 ….. oder 'Eine Frage der Endlichkeit'

Du kannst dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern… nur vertiefen (Gorch Fock)

Leben leben (Tag 227)

Barcelona_010Ich habe einen neuen, wirklich schönen Auftrag bei einem mittelständischen Handwerksbetrieb: Unterstützung der Geschäftsleitung und Organisation des Sekretariats.

Meine Vorgängerin (nennen wir sie mal Frau Schulz) hat nach einem internen Streit wutentbrannt und ziemlich plötzlich gekündigt, und alles liegen und stehen gelassen. Nach 8 Jahren. Jetzt bin ich dabei Ihre ‚Hinterlassenschaften‘ zu sichten und kriege mit, dass Frau Schulz zwar sehr gut gearbeitet hat, aber offensichtlich sehr lustlos. Alles was aktuell gemacht werden musste, war erledigt. Alles was darüber hinaus ging, ist liegen geblieben.

Und so habe ich einen Schreibtisch vorgefunden, der seit Jahren nicht mehr aufgeräumt worden ist, auf dem noch die verstaubten Stofftiere der Vor-Vorgängerin lagen und zerkrümelte Gummibänder unter Akten, die seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen wurden.

In den Schränken liegen Papierstapel die schon längst hätten entsorgt werden können, manche Ordnern sind so voll, dass es schwer ist noch irgendwas zu finden und wenn ich mir die Unterlagen dann durchsehe, dann sind es Kopien von Kopien und Vorgänge die längstens erledigt sind (z.B. Lieferscheine aus dem Jahr 2007).

Es ist alles wie erstarrt und ich habe mich erschrocken gefragt, wie es wohl sein muss wenn man einen Job macht, in dem man so erstarrt ist, dass man nichts mehr ändert kann oder will.

Meine neuen Kollegen haben erzählt, dass Frau Schulz auf ihre Pensionierung hingearbeitet hat: Sie ist knappe 60 und hat vor, mit 63 in Rente gehen. Vielleicht waren ihr die restlichen 3 Jahre den Aufwand nicht mehr wert, noch viel zu verändern? Vielleicht hat sie es einfach hingenommen, weil es ja sowieso in absehbarer Zeit ‚ein Ende hat‘ und dann ein anderes Leben los geht?

Da hat Frau Schulz wohl offensichtlich übersehen, dass sie gar nicht wissen kann wie alt sie noch wird. Angenommen ihr bleiben nur noch 4 Lebensjahre: dann hätte sie 3 dieser restlichen Lebensjahre damit verbracht lustlos einen Job zu machen, in dem alles erstarrt ist.

Das Traurige an der Sache ist vor allem, dass es eigentlich gar nicht so schwer gewesen wäre diese Starre zu lösen. Mein Chef, meine Kollegen und ich haben in den vergangenen Tagen mit vereinten Kräften ein paar Sachen verändert. Ein paar Möbel umgestellt, ein paar Ordner erneuert und einiges entsorgt. Und schon jetzt wird alles viel heller und lichter und freundlicher.

Das hätte Frau Schulz eigentlich auch alleine hinkriegen können und sich damit die nächsten drei Jahre Tag für Tag ein bisschen schöner gemacht. Und vielleicht wäre es dann gar nicht soweit gekommen, dass sie sich so machtlos gefühlt hätte, dass sie gleich ALLES hinschmeißen muss?

4 Kommentare zu “Leben leben (Tag 227)

  1. inderruheliegtdiekraft
    02.03.2014

    Da hätte mal jemand mit ihr reden sollen – mh?
    Nebeneinanderherleben (und danach sieht es aus der Ferne aus), das geht auch im Arbeitsleben. Ich finde, die besten Chefs sind die, die auch ab und zu einmal das Wort suchen. Es gibt Firmen die versuchen das den Führungskräften mit dem „Jahresgespräch“ wenigstens einmal im Jahr aufzuzwingen.
    Ob das auf den Fall den du beschreibst zutrifft, bleibt letztendlich Spekulation. Allein du kannst versuchen herauszufinden wie die Führungskräfte und das Klima dort sind. Wenn es dort einen Streit gab, dann hat vermutlich nicht nur Frau Schulz ihr Schwächen.

    • Susanne
      03.03.2014

      Hallo inderruheliegtdiekraft,

      danke für deine Anregung und ich gebe dir recht. Natürlich braucht es für einen Streit immer zwei Seiten, alleine streiten geht nicht.

      Was deinen Einwand mit den Chefs und den Jahresgesprächen angeht, gebe ich dir auch recht: Es gibt Firmen die jedes Jahr ein Gespräch für die Mitarbeiter anbieten und das ist gut so, denn dadurch werden sicherlich viele Konflikte vermieden.

      Aber in einem Fall bin ich anderer Meinung:

      Ich weiß nicht was Frau Schulz dazu bewogen hat zu gehen und ich kenne die Hintergründe nicht für den Streit. Aber für mich ist das auch nicht wichtig, denn ich bin der Meinung, dass jeder für SEIN EIGENES LEBEN SELBST verantwortlich ist.

      Kann sein dass Frau Schulz und ihr Chef nebeneinander her gelebt haben, kann sein dass es da Missverständnisse gab, kann sein dass irgendwer nicht nachgefragt hat (von beiden Seiten) aber was zählt ist, dass die Lebenszeit jedes Menschen in dessen eigener Verantwortung liegt. Wenn jemand ungern an seinen Arbeitsplatz geht, dann kann er dafür niemanden anderes verantwortlich machen. Er kann entweder versuchen sich mit der Situation zu arrangieren oder er kann die Situation zu ändern. Denn jede Sekunde die vorbei geht, geht vom Leben eines jeden Einzelnen vorbei.

      Wir haben ein Leben zu leben. Dafür ist niemand anderes verantwortlich als wir selbst. Und wenn wir diese Verantwortung nicht wahr nehmen, sondern die Entscheidung wie die Stunden unseres Lebens vergehen, jemand anderes überlassen, dann verlieren wir unser kostbarstes Gut, nämlich unsere Lebenszeit…

      Und am Ende können wir niemand anderes dafür verantwortlich machen als uns selbst.

      • inderruheliegtdiekraft
        04.03.2014

        mh-ja, du sagst ‚die Hintergründe sind für mich nicht wichtig“. Es war von mir als Tip zwischen den Zeilen gemeint. Vielleicht wird es ja noch wichtig. Du kannst jetzt jedenfalls selbst beobachten wie deine Vorgesetzten so „führen“. Noch sind sie neu für dich, aber die Schwächen erkennt man erst nach einer Weile. Und wenn diese Weile vergangen ist, könntest du in ähnliches Fahrwasser kommen wie Frau Schulz. Ich kann da ganz falsch liegen, weil ich das ja auch von extrem weit weg sehe, quasi ohne jeden Einblick. Aber für dich kann dieses „darauf achten“ interessant sein. Und eventuell kannst du die Richtung beeinflussen in die es letztendlich geht. Oder eventuell kannst du früh genug gegenlenken.
        .
        So in etwa hatte ich das gedacht.

  2. Susanne
    04.03.2014

    Also da gebe ich dir auch wieder recht:

    Es ist immer gut achtsam zu sein ;-). Und es ist sicher gut genau hinzusehen und sich nicht davon ablenken lassen, was man zu sehen glaubt sondern zu prüfen was da tatsächlich passiert. Auf jeden Fall Danke für deinen Hinweis..

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 02.03.2014 von in Allgemein, Archiv, Gegenwart, Grundgedanke, März 2014 und getaggt mit , , , , , , , , , .

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