Experiment 3088 ….. oder 'Eine Frage der Endlichkeit'

Du kannst dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern… nur vertiefen (Gorch Fock)

Frau Mayer 2 (Tag 175)

Bank_WaldSeit Juli 2013 habe ich eine alte Dame begleitet (siehe auch Tag 88). Frau Mayer* ist 93 und damit 2 Jahre jünger als Nelson Mandela. Als der 2. Weltkrieg begann, war sie 19. Sie war viele Jahre verheiratet, der Mann ist längst gestorben, und sie hat zwei Kinder geboren. Die 56jährige Tochter, die im Juli um meine Begleitung für Ihre Mutter gebeten hatte, ist mittlerweile leider verstorben.

Frau Mayer zieht jetzt zu ihrem Sohn und dessen Familie. Der hat eine kleine Wohnung bei sich im Haus – Erdgeschoss ohne Treppen –  und ich hoffe, dass die alte Dame sich in ihrer neuen Heimat wohlfühlt und wieder beweglicher wird.

Die Begleitung hat mich verändert, denn sie hat mir einiges bewusst gemacht:

  • zum Bespiel dass ich eventuell noch viel mehr Zeit habe, als ich mir das vorstellen kann. Wenn ich so alt werden sollte wie Frau Mayer, liegen noch mehr als 40 erwachsene Jahre vor mir. Das sind mehr erwachsene Jahre als ich bisher hatte (!) und da kann ich noch Einiges auf die Beine stellen.
  • oder dass ich ein unschätzbares Geschenk mein eigen nennen darf: nämlich dass ich einfach so „mir nichts – dir nichts“ aus dem Haus spazieren kann und hingehen kann, wo auch immer ich hinwill. Und ich muss niemanden darum bitten, dass er mich vor die Tür bringt, damit ich mal an die frische Luft kann und ich muss keine logistischen Glanzleistungen auf die Beine stellen wenn ich mal zum Friseur will
  • Frau Mayer hat mich ein bisschen runtergebremst. Sie hat mir gezeigt dass es manchmal gar nicht so wichtig ist, einen 5-Minuten-Weg auch in fünf Minuten zu gehen und dass manche Dinge desto ruhiger werden, je ruhiger man sie anpackt.
  • Im Laufe dieses Sommers saßen wir ein paar Mal auf der Terrasse eines kleinen Cafes an der Straße und haben einfach nur Kaffee getrunken. Normalerweise hätte ich mir die Zeit dafür nie und nimmer genommen, jetzt kann ich feststellen, dass sich die Welt trotzdem weiterdreht und keiner meiner Termine wirklich Schaden genommen hat.
  • Mit der alten Dame und ihrem Rollator habe ich eine andere Perspektive gewonnen, ich sehe Dinge die ich vorher nicht gesehen habe: z.B. eine Rampe zu einer Apotheke, bei der am Anfang und am Ende – warum auch immer –  ein jeweils 2 cm hoher Absatz angebracht wurde. Für einen Rollator ein großes Hindernis.
    Oder die Ampelschaltung die so kurz ist, dass wir beide immer mitten auf der Straße standen als es rot wurde (Netterweise hat uns aber nie jemand angehupt 🙂 ), oder die Autos die auf dem Gehweg parken, manchmal so eng am Zaun, dass wir mit dem Rollator gar nicht mehr weiter kamen
  • Frau Mayer hat mir aber auch wieder einmal bewusst gemacht, dass jeder Mensch seine eigenen Strategien zum Überleben hat und dass keine Strategie irgendeiner Bewertung standhalten muss. Es ist wie es ist…

Ich wünsche Frau Mayer alles Gute und hoffe sie hat noch viele sonnige Tage und soviel Leben wie sie es sich wünscht.

Und ich finde jeder sollte mal ein für ein paar Monate eine Frau Mayer haben.

*Name geändert

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 09.01.2014 von in 2014, Allgemein, Archiv, Gegenwart, Grundgedanke, Januar 2014 und getaggt mit , , , , , , , , , , , , .

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